© Barbara Dietl

Es ist 8.47 Uhr an einem Dienstagmorgen 2013. Anke schreibt ihrem Freund Patrick eine Nachricht. „Ich muss zum Arzt. Ich habe Angst.“ Sieben Worte. Zwei Sätze, die das Leben der beiden ab jetzt verändern.

Sie war schon immer dünn, nannte sich früher Spargeltarzan, sportliche 1.68 Meter, keine 55 Kilo. Sie sitzt heute in einem Restaurant in Prenzlauer Berg, rechts von ihr ihr Freund Patrick. Der alles miterlebt hat, die Diagnose, die Chemotherapie. Die Nächte wach an ihrer Seite, die Angst und die beklemmende Hilflosigkeit der Freunde und Familie, die zu oft in Schweigen mündete.

Anke wird bald Mutter. Unter ihrem blauen Kleid wölbt sich der Bauch, siebter Monat. Es wird ein Mädchen. Sie ist gesund. Anke ist gesund. Sie hat den Krebs besiegt. Jetzt will sie ihre Geschichte teilen, Mut machen, denen helfen, die dieselbe Diagnose bekommen. Krebs.

Diese Krankheit, an der jedes Jahr 500.000 Menschen in Deutschland erkranken und 224.000 sterben. Diese Krankheit, die auch Anke immer gefürchtet hat, irgendwo, ein nagender Gedanke im Hinterkopf. Hässliche Sekunden der Angst, seitdem sie mit 20 Jahren zum ersten Mal die Schwellung links am Hals ertastete.

Der Eisvogel, erklärt Anke, ist der natürliche Feind des Krebses. Es ist der Name ihres gemeinnützigen Vereins. Er soll Hoffnung machen, nicht die Krankheit in den Vordergrund stellen. Er soll Gemeinschaft bieten, Hilfe und Trost. Als natürlicher Feind der Krankheit Krebs. Mehr als die Strahlen, die Chemie und die kalten Worte der Medizin.

Diese Worte, Anke kennt sie. Dünne Menschen hätten nun mal sichtbarere Lymphknoten, sagte ihr ein Arzt schon vor 14 Jahren. Außerdem hätte sie doch so oft Bronchitis, da wachsen die Knoten immer wieder. Das. Ist. Normal. Ein beruhigender Satz.

Trotzdem habe sie immer wieder an dem Knubbel herumgespielt. Immer links. Doch dann verdrängt der Alltag die Sorgen. Vor allem, wenn der Alltag so ist wie bei Anke. Ein früher Freund, die große Liebe, die keine war. Als sie ihn mit 26 Jahren heiratet, hat sie blaue Flecken unter dem weißen Brautkleid. Dann die Scheidung, der Auszug heimlich, nachts. Außerdem ein neuer Job, ein Start-Up, viele Stunden, wenig Geld. Bald kommt die Kündigung.

Der Gedanke an den Krebs kommt wieder an Weihnachten 2012. Seit einem halben Jahr ist Anke mit ihrem jetzigen Freund Patrick zusammen. Eine Sommerliebe, die andauert, nennt sie es. Der Gutmütige, der Vater- Typ. Den, bei dem man bleibt. Kurz vor Weihnachten kauft sich Anke einen Schal, grau, kuschelig, schön. Anke trägt ihn, doch hat eine starke allergische Reaktion, geht Heiligabend ins Krankenhaus, ihre Arme kribbeln, sie hat Taubheitsgefühle. Dann sagt die Krankenschwester diesen Satz: Sie könne auch Leukämie haben. Da ist der wieder, der Gedanke. Er nagt.

Anke geht nach dem Weihnachtsurlaub zum Chirurgen. Keine Diagnose. Der Lymphknoten sei beweglich, sagt der Arzt, das heiße normal. Wäre er verankert, würde das bösartig bedeuten.

Doch Anke will jetzt Gewissheit, sie will den Knubbel loswerden und den nagenden Hintergedanken auch. Sie sagt: Bitte entfernen Sie mir den Lymphknoten.

Der Chirurg entfernt den Lymphknoten, doch kann nur 70 Prozent des Gewebes entfernen, der Rest liegt zu nah an den Nerven. Aber es ist beweglich, das deute nicht auf einen bösartigen Tumor hin.

Es ist eine unbekannte Nummer. Eine Berliner Nummer. Es ist der Chirurg. Sie soll kommen. Schnell. Es ist 12.30 Uhr und Anke hat Lymphknotenkrebs.

Mit Pflaster und mit verzerrter Stimme von der Betäubung geht Anke beruhigt nach Hause. Schon zwei Tage später tritt sie ihren neuen Job als Vertriebsassistentin an.

Noch eine Woche warten bis zu dem Dienstagmorgen, 8.47 Uhr. Seit 8 Uhr sitzt sie in einer Schulung. Es geht um Lohnabrechnungen, in diesem Bereich soll sie anfangen. Die Neue, 29 Jahre alt, eine junge Frau, die noch alles vor sich hat.

Es ist eine unbekannte Nummer. Eine Berliner Nummer. Es ist der Chirurg. Sie soll kommen. Schnell. Es ist ca. 12.30 Uhr und Anke hat Lymphknotenkrebs.

Plötzlich ist alles nicht mehr wichtig. Der neue Job, die Krankenversicherung, der Streit mit dem ehemaligen Arbeitgeber. Du bist, sagt Anke, wie in einem Zug, die Termine fliegen vorbei und du kannst nicht aussteigen. Du fährst bis zur Endstation. Und hoffst, dass du aussteigen kannst.

Anke will gewinnen. Wenn sie abends neben Patrick wachliegt und beide weinen, ist sie die starke. Sie werde den Krebs besiegen, sagt sie sich vor dem Einschlafen. Doch oft genug kommt der Schlaf nicht. Nicht nur der Gedanke ans Weiterleben kreist in ihrem Kopf, da ist noch etwas. Es ist eine Lebensentscheidung, für die andere Paare sich Jahre nehmen. Anke und Patrick haben 12 Stunden Zeit. Wollen Sie Kinder?

Zwanzig Prozent der betroffenen Paare können nach der Chemotherapie keine Kinder mehr zeugen. Anke und Patrick sind 1,5 Jahre zusammen. Wenn sie eine Familie gründen wollen, wenn alles überstanden sei, sagt ihre Ärztin, müssten sie sich entscheiden, sie haben bis morgen früh Zeit. Ein Brandbeschleuniger für die Beziehung, nennt Anke das. Das Paar borgt sich Geld bei den Eltern, nimmt einen Kredit auf, ihr Kinderwunsch kostet mehrere Tausend Euro. Anke und Patrick lassen sechs befruchtete Eizellen einfrieren. Dann beginnt Anke mit der Chemo.

Die Wochen danach takten die Ärzte und die Krankheit. Das Warten auf den Onkologen. Die Termine im Computertomografen (CT) und Ultraschall, die Studie in der Berliner Charité, an der Anke teilnimmt.

Die Schmerzen bei der Knochenmarkentnahme, als der Arzt fünf Mal mit dem Bohrer in ihren Beckenknochen muss. Die Chemotherapie wird zum Alltag, acht Wochen lang, eine Sitzung alle zwei Wochen, 4 Spritzen und zwei Beutel mit rosa und gelber Chemie, die ihr durch die Arme jagen. Man kann es nicht beschreiben, sagt Anke, es ist kalt, wenn das Gift durch den Unterarm läuft.

Und die Haare fallen aus. Anke und Patrick führen ein Video-Tagebuch. Auf dem einen Film sieht man Patrick, wie er die langen, braunen Haare von Anke abschneidet. Mit dem Elektrorasierer. Anke trägt zum ersten Mal Glatze, sie will lächeln, doch sie muss weinen. Der Haarausfall macht alles so real.

Das alles ist drei Jahre her. Es ist 20.47 Uhr an einem Donnerstagabend. Anke hat den Krebs überlebt. Sie und Patrick werden Leben schenken. Sie trägt eine der Eizellen aus, die einzige von sechs die das Einfrieren und Auftauen überlebt hat. Das Mädchen, das in ihr heranreift soll Zoe heißen. Sie ist das Wunder dieser Geschichte, das es nur gibt, weil Anke an sich geglaubt hat, an ihr Leben nach dem Krebs. Weil Anke den Krebs besiegt hat.

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